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Thomas Billhardt

Die Augen weit offen

Gruppe von Kindern und Erwachsenen die in ein Schaufenster sehen

Egal, ob er FDJ-Veranstaltungen fotografierte, eine zufällige Begegnung am Rande des Berliner Alexanderplatzes oder aus Vietnam oder Kuba berichtete: Die Bilder von Thomas Billhardt dokumentieren eine Welt in Bewegung. Die Kamera des 2025 verstorbenen Berliner Fotografen fungierte dabei als Werkzeug einer radikalen Neugier: Er richtete seinen Blick mit feinem Gespür auf das Lebendige innerhalb starrer Strukturen und die ungestellten Momente des Alltags.

„Wir wollen spürbar machen, was Billhardt auszeichnete. Wir wollen illustrieren, wie er durch die Welt ging, seinen Blick schärfte, die Augen vor keinem Zustand verschloss.“
– Claire Ducresson-Boët, Exhibitions Manager

Die Augen weit offen zeigt zentrale Serien aus mehreren Jahrzehnten mit einem Fokus auf die Jahre 1959 bis 1972, die den Facettenreichtum und die Internationalität seines Werks verdeutlichen. Schon in den 1960er-Jahren, einer Epoche, die rückblickend oft als hermetisch abgeriegelt wahrgenommen wird, bereiste Billhardt als Reportagefotograf die globalen Krisenherde. Dabei balancierte er sein ganzes Leben lang auf einem schmalen Grat: Einerseits hielt er sich nah genug an den Autoritäten, um weiterarbeiten zu können, andererseits bewahrte er sich die Unabhängigkeit, die seinen humanistischen Ansatz in der Fotografie prägte. Nach der Wende 1989 arbeitete er unter anderem für die UNICEF, für die er verschiedene Hilfsprojekte in Asien begleitete.

Farbbild eines Soldatenpaares dass die Hände hält in Vietnam
B/W Profilbild einer kubanischen Frau vor einem Laden

Die Ausstellung beleuchtet unter anderem die Dokumentationen aus Vietnam, die ihn auf der ganzen Welt bekannt machten sowie seine eindrücklichen Berichte aus Kuba, die das Leben im sozialistischen Bruderstaat jenseits aller Vorurteile einfingen. Dabei kreisen seine Bilder um eine entscheidende Frage: Wie erhalten sich Menschen ihre Menschlichkeit, wenn die Strukturen um sie herum diese zerstören wollen?

“Obwohl ich bei meinen Reisen etliche große Politiker fotografiert habe, sah ich es nicht als meine Aufgabe. Politiker kommen und gehen, dachte ich damals. Stattdessen interessierte ich mich für gesellschaftliche Themen und Entwicklungen. Ich wollte mit meinen Bildern Geschichten erzählen.”
– Thomas Billhardt

Mehrfach wurde Billhardt von der Stasi angesprochen, die ihn aufgrund seiner Arbeit als Fotograf und seines weitreichenden Netzwerks als potenziell wertvollen Informanten sah, doch er lehnte es stets ab, für sie zu arbeiten.

Farbbild des Alexanderplatz in Berlin
Mann mit weißem Trainingsanzug der eine Flagge hält, die das Gesicht einer Frau verdeckt

Seine im Ausland entstandenen Fotoreportagen kontrastieren mit seinen Berliner Arbeiten, allen voran die Straßenszenen vom Alexanderplatz, die das urbane Leben und die Dynamik einer Stadt im Wandel registrieren. Billhardt besuchte den zentralen Ort Berlins über die Jahre immer wieder, fotografierte ihn mal als Baustelle, mal als Verkehrsknotenpunkt, mal als politischer Platz – aber vor allem als Ort, an dem Leben in all seinen Facetten stattfindet. Diese Aufnahmen hinterfragen die vertrauten Klischees der DDR, weil sie die Zwischentöne und die Dynamik hinter der offiziellen Fassade sichtbar machen. Sie unterstreichen: Das Leben findet seinen Weg, wie starr das System auch sein mag.

ÜBER DEN KÜNSTLER

Der 1937 geborene Thomas Billhardt gehört zu den bedeutendsten deutschen Dokumentarfotograf*innen der Nachkriegsgeschichte. Seine fotografische Ausbildung begann bereits im Alter von 14 Jahren bei seiner Mutter in Chemnitz, die eine wichtige zeitgenössische Porträtfotografin war. Nach dem Studium in Magdeburg und Leipzig arbeitete er zunächst als Werksfotograf sowie als Verlagsfotograf für Postkarten. Seine Diplomarbeit über den Berliner Alexanderplatz markierte den Beginn einer lebenslangen Beschäftigung mit diesem historischen Ort. Als freischaffender Fotojournalist bereiste Billhardt insgesamt 49 Länder und begleitete dabei auch offizielle Staatsbesuche von Spitzenpolitiker*innen. Weltbekannt wurde er unter anderem durch seine Berichte aus dem Vietnamkrieg. Im Laufe seines Lebens erschienen zahlreiche Bücher, die sein umfangreiches Schaffen dokumentieren. Internationale Ausstellungen in Städten wie London, Moskau, Hanoi und New York zeigten seine Fotografien. Billhardt starb 2025.

AUSSTELLUNGSIMPRESSUM

Diese Ausstellung hat Claire Ducresson-Boët, Exhibitions Manager bei Fotografiska Berlin, in Zusammenarbeit mit der Galerie CAMERA WORK kuratiert.