The Anonymous Project by Lee Shulman
Vielleicht ist der graublaue Pontiac in der Garage neu. Vielleicht wurde lange auf ihn gespart oder eigens ein Kredit aufgenommen. Vielleicht war der Vater ein paar Tage auf Dienstreise, ist erst am Abend zuvor wiedergekommen. Oder vielleicht sollte einfach nur das Familienbild für die jährliche Weihnachtskarte aufgenommen werden. Wir kennen den Hintergrund des Bildes nicht, was wir aber wissen, ist: Es zeigt eine vierköpfige Familie, die – zumindest deutet das Nummernschild des Autos darauf hin – in Texas zusammengekommen ist, um sich fotografieren zu lassen. Nur schaut außer einem rothaarigen Jungen niemand in die Kamera, alle machen ihr eigenes Ding. Es ist ein Foto, an dem man hängen bleibt. Wer es geschossen hat, ist unbekannt. Und genau darum geht es in No Place Like Home präsentiert von The Anonymous Project, initiiert von Lee Shulman, zu sehen im Fotografiska Berlin vom 20. Juni bis zum 1. November 2026.
Für No Place Like Home hat er rund 12.000 dieser Aufnahmen ausgewählt und sie zu einer raumgreifenden Installation verdichtet, die tatsächlich ein Zuhause, also ein Wohnhaus, in Erinnerung ruft. Zu den Highlights die sogenannten Totems: turmhohe, hinterglasbeleuchtete Strukturen aus vielen, vielen Bildern, die den vollständig verdunkelten Raum in ein warmes Licht tauchen. Genaues Hinsehen lohnt, denn immer wieder bleibt man an etwas hängen. Einer Lichtsituation. Einem Blick. Oder vielleicht an folgendem Gedanken: Die ursprünglichen Besitzer*innen dieses Fotos wollten Augenblicke festhalten. Shulman rettet diese Augenblicke, aber nicht für diejenigen, denen sie einmal gehörten. Sondern für alle anderen. Für uns.