The Anonymous Project von Lee Shulman
No Place Like Home

Vielleicht ist der graublaue Pontiac in der Garage neu. Vielleicht wurde lange auf ihn gespart oder eigens ein Kredit aufgenommen. Vielleicht war der Vater ein paar Tage auf Dienstreise, ist erst am Abend zuvor wiedergekommen. Oder vielleicht sollte einfach nur das Familienbild für die jährliche Weihnachtskarte aufgenommen werden. Wir kennen den Hintergrund des Bildes nicht, was wir aber wissen, ist: Es zeigt eine vierköpfige Familie, die – zumindest deutet das Nummernschild des Autos darauf hin – in Texas zusammengekommen ist, um sich fotografieren zu lassen. Nur schaut außer einem rothaarigen Jungen niemand in die Kamera, alle machen ihr eigenes Ding. Es ist ein Foto, an dem man hängen bleibt. Wer es geschossen hat, ist unbekannt.


Shulman, der in Paris lebt und arbeitet, hat mit The Anonymous Project rund eine Million herrenloser Dias zusammengetragen und daraus eines der weltweit größten Privatarchive analoger Amateurfotografie erschaffen. Was ihn umtreibt, ist keine Sammelleidenschaft im klassischen Sinne, sondern eher etwas, das einer Rettungsmission gleicht: die Überzeugung, dass in diesen unscheinbaren Bildern etwas steckt, das zu wertvoll ist, um langsam zu verschwinden. Mit der Ausstellung zeigt er Motive, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren und gerade deshalb eine Ehrlichkeit besitzen, die inszenierte Fotografie selten erreicht. Indem Shulman Namen, Daten und Orte tilgt, entzieht er ihnen ihre Privatheit – und formt aus ihnen gleichzeitig ganz neue, allgemeingültige Erzählungen. Denn auch, wenn sie nicht den Alltag derer abbilden, die sie heute betrachten: Irgendwie tun sie es doch.

„Das Schöne an diesem Projekt ist, dass die Menschen das Gefühl haben, die Bilder gehören ihnen. Das könnte ihr Mann gewesen sein, ihre Frau, ihre Großeltern, ihre Kindheit. Sie eignen sich die Fotografien an. Ich habe dieses Projekt in Ländern gezeigt, wo die Kultur eine völlig andere ist – in Korea zum Beispiel. Und auch dort kamen Ausstellungsbesucher*innen auf mich zu und sagten: Das erinnert mich an etwas aus meinem eigenen Leben! Ich habe noch nie erlebt, dass die Fotos jemandem fremd waren. Wir alle kennen die Momente auf diesen Bildern.“
Für No Place Like Home hat er rund 12.000 dieser Aufnahmen ausgewählt und sie zu einer raumgreifenden Installation verdichtet, die tatsächlich ein Zuhause, also ein Wohnhaus, in Erinnerung ruft. Zu den Highlights die sogenannten Totems: turmhohe, hinterglasbeleuchtete Strukturen aus vielen, vielen Bildern, die den vollständig verdunkelten Raum in ein warmes Licht tauchen. Genaues Hinsehen lohnt, denn immer wieder bleibt man an etwas hängen. Einer Lichtsituation. Einem Blick. Oder vielleicht an folgendem Gedanken: Die ursprünglichen Besitzer*innen dieses Fotos wollten Augenblicke festhalten. Shulman rettet diese Augenblicke, aber nicht für diejenigen, denen sie einmal gehörten. Sondern für alle anderen. Für uns.
CREDITS
Diese Ausstellung wurde von Claire Ducresson-Boët (Exhibitions Manager bei Fotografiska Berlin), in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler kuratiert. Bilder mit freundlicher Genehmigung der Galerie Clémentine de la Féronnière.
ÜBER DEN KÜNSTLER
Der mehrfach ausgezeichnete Filmregisseur und Künstler Lee Shulman (geboren 1973 in London, Großbritannien – lebt in Paris, Frankreich) gründete 2017 The Anonymous Project, kurz nachdem er online seine erste Kiste mit anonymen Kodachrome-Dias erworben hatte. Durch kuratorische Auswahl und fotografische Transformation erweckt Shulman diese persönlichen Aufnahmen zu neuem Leben und verwebt sie zu eindrucksvollen Erzählungen über Erinnerung, Familie, Liebe und kulturelle Veränderungen über Generationen hinweg. Zudem initiierte er zahlreiche hybride Werke, um den Dialog des Projekts zu erweitern. In seiner Zusammenarbeit mit Omar Victor Diop etwa integrierte er den senegalesischen Fotografen in Familienfotografien und schaffte so neue Erzählungen für eine Zeit, die in den USA von rassistischer Segregation geprägt war. Shulman veröffentlichte mehrere Bücher: 2024 drehte er den vielbeachteten Dokumentarfilm I Am Martin Parr über den gleichnamigen britischen Fotografen.